Von Gustav REINGRABNER

Der Anfang der Reformation in Österreich ist durch verschiedenartige Störungen gekennzeichnet. Es war keineswegs so, daß Luthers Meinung und Position ohne Einschränkung von allen akzeptiert wurde. Auch der im Jahre 1524 in Wien hingerichtete Kaspar Tauber kann nicht ganz einfach als Lutheraner bezeichnet werden, mischten sich doch in seine Aussagen verschiedene Ansichten, die er zum Teil von den schwärmerisch-spiritualistisch Angehauchten der Reformation übernommen hatte. Daß dies kein Einzelfall war, beweist der aus Linz stammende Johannes Bünderlin, dessen Name heute wohl mit „Wunderl“ wiedergegeben werden würde.

Er war Sohn eines Fischers, der in der Linzer Vorstadt St. Peter wohnte, und wurde wahrscheinlich knapp vor dem Jahr 1500 dort geboren. Im Jahr 1515 wurde er an der Wiener Universität immatrikuliert, wo er wenigstens dreieinhalb Jahre tätig war. Nach seinem Weggang aus Wien hat Bünderlin (Wunderl) als katholischer Priester seine Tätigkeit ausgeübt. Später wurde er im unmittelbaren Bereich des Baron Bartholomäus von Starhemberg tätig. Bei ihm scheint er so etwas wie ein Sekretär gewesen zu sein. Bartholomäus von Starhemberg war jener Adelige, an den Luther im Jahre 1524, nach dem Tode der Gattin, einen eindrucksvollen, auch im Druck verbreiteten Trostbrief richtet. Möglicherweise steht Bünderlins Anstellung mit diesem Trostbrief insofern in Verbindung, als er bald danach zu Starhemberg kam.

Im Jahre 1527 schloß er sich dem von Zürich und Süddeutschland in das Land ob der Enns eingedrungenen Täufertum an. Er wirkte nunmehr als Vorsteher einer täuferischen Gemeinde in Oberösterreich; vermutlich war es in Linz. Ob er in dieser Zeit wieder in seinem· Heimatort gewohnt hat, läßt sich nicht feststellen; im Jänner 1528 verließ Bünderlin das Land ob der Enns und wurde, wie viele andere Täufer, eine Zeitlang von Leonhard von Liechtenstein im heute mährischen Ort Nikolsburg aufgenommen.

Während dieses Aufenthaltes wandte er sich innerlich wohl auch von den Täufern ab und ging im Mai 1529 nach Straßburg, wo er sich dem Spiritualismus anschloß, also jenen schwärmerischen Gruppen, die durch den Versuch gekennzeichnet sind, eine Geistkirche zu schaffen. Nach einer Verhaftung in Straßburg begann er ein Wanderleben in Oberdeutschland, wo er unter anderem auch mit Johannes Zwick in Konstanz zusammenkam. Was nun Bünderlin weiter unternahm, ist nur mehr in Andeutungen bekannt. Möglicherweise versuchte er sogar, zu Kaspar Schwenckfeld nach Ostpreußen zu gelangen. 1540 hören die Nachrichten über Bünderlin auf. Ob er bald darnach gestorben ist oder noch etliche Jahre hindurch ein unbeachtetes Wanderleben geführt hat, läßt sich mindestens vorläufig nicht herausfinden.

Bünderlin zählt zu jenen Personen, die in der durch die Reformation ausgelösten theologischen Unsicherheit nur ganz schwer einen Standpunkt finden konnten. Es war sicherlich so, daß die Zerstörung der Amtsautoritäten, die in der Reformation erfolgte, ein Vakuum hinterließ, das erst allmählich durch die Durchsetzung einer neueren, schriftgemäßen Lehre ersetzt werden konnte. So war in diesen Jahren, in denen es auch keine kirchlichen Bekenntnisschriften gab, dem Subjektivismus freie Bahn gegeben. Vielen ging es darum, die Bedeutung des Glaubens zu erfassen und persönliche Glaubensüberzeugung als Grund aller kirchlichen Gemeinschaft und persönliche Frömmigkeit festzuhalten. Damit kam es zur Frage nach der Bedeutung des Heiligen Geistes, der als spontan wirkende Kraft verstanden wurde. Daraus folgte dann auch die Ablehnung der Kindertaufe, weil nur eine aus solchem Geist gewirkte Glaubenstaufe den Anfang des neuen Lebens geben konnte; darum sucht man von diesen Spiritualisten auch eine Gemeinde der Erlösten zu sammeln.

Bünderlin zählt zu jenen, die für sich eine solche persönliche und subjektive Antwort suchten. Es war ihm anscheinend nicht ganz leicht, seinen Standpunkt zu artikulieren, was vielleicht auch als Hinweis auf Unklarheiten in der eigenen Position hindeutete. Er zählt darum zu den heftig Bekämpften. Gleichwohl war er ein Zeuge seines Herrn, dem er mit diesem Zeugnis in dieser Welt zum Durchbruch verhelfen wollte. Von seinen wenigen Jahren in Oberösterreich läßt sich eigentlich nichts sagen. Dort hat er wohl zu jenem Kreis von evangelischen Adeligen und Geistlichen gehört, der durch die Familie Jörger zusammengehalten wurde und für den Luther als Prediger den Michael Stifel sandte. Auch nach dem Weggang Stifels aufgrund befürchteter Bedrohungen seines Lebens blieb dieser Kreis im Verborgenen erhalten und bildete die Voraussetzung für die spätere Durchsetzung der Reformation im Land ob der Enns. Bünderlin hat vielleicht in bescheidenem Maße an der Festigung dieses Kreises Anteil gehabt.

Es ist hier müßig, die spiritualistischen Gedanken Bünderlins ausführlich darzulegen; er muß vielmehr als Beispiel dafür angesehen werden, wozu es führt, wenn der Glaube nicht als eine geschenkte Größe angenommen wird, daß es mit dem „Suchen“ des Menschen allein nicht getan ist, daß vielmehr um ein Annehmen der Gnade und das Sich-Einfügen in die Kirche, die Gott durch Wort und Sakrament als Mittel seiner Gnade sammelt, geht.

 

Aus: Glaube und Heimat. Evangelischer Kalender für Österreich, Jg. 1984, S. 32-33.