Von Gustav REINGRABNER

Es wurde allgemein anerkannt, daß nach dem Toleranzpatent von 1781 das wirtschaftliche Leben und die geistige Kultur Österreichs in hohem Maße von einwandernden Protestanten bestimmt wurde. Nicht nur Franz Grillparzer hat auf die Überlegenheit der protestantischen Länder auf dem Gebiet der Kultur und der Zivilisation hingewiesen, sogar in die offiziell noch als Einrichtung der katholischen Kirche geltende Universität Wien fanden Männer ihre Aufnahme, die evangelisch waren. Natürlich ging es für sie nicht ohne Schwierigkeiten, Zurücksetzungen und gelegentliche Enttäuschungen ab. Insgesamt aber haben gerade diese evangelischen Professoren an der Wiener Universität wesentlichen Anteil an der Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Hebung des geistigen Lebens der Kaiserstadt gehabt.

Zu diesen evangelischen Professoren der Wiener Universitäten gehörte auch Lorenz (von) Stein. Er wurde als Sohn eines dänischen Obersten am 15. November 1815 in Schleswig geboren und studierte als Stipendiat der dänischen Regierung in Flensburg und Kiel. Seine Studienrichtungen waren Philosophie und Rechtswissenschaft, wobei für ihn die Erforschung der Gesetzmäßigkeit der inneren politischen und sozialen Entwicklung der Staaten zum besonderen Anliegen wurde. 1841 reiste er zu diesem Zweck nach Paris; in einem daraufhin geschriebenen Buch machte er den Versuch, die Entstehung des Proletariats zu erklären und die Lehren der französischen Sozialisten, einschließlich des neuen Kommunismus, darzulegen. Es wurde nachgewiesen, daß von den Darlegungen Steins die Verfasser des „Kommunistischen Manifestes„, Karl Marx und Friedrich Engels, zum Teil abhängig waren. Die politische „Ökonomie“ beschäftigte ihn weiterhin. Zunächst wurde er allerdings in die Auseinandersetzungen um die Befreiung der Elbherzogtümer Schleswig und Holstein (1846-1850) hineingezogen. Er ergriff Partei gegen Dänemark, war auch Mitglied des schleswigschen Landtages und wurde dementsprechend, nach der vorläufigen Rückkehr der beiden Herzogtümer in die dänische Herrschaft, entlassen. Eine Reise nach Wien führte zu Kontakten mit dem evangelischen Finanzminister Freiherr von Bruck, mit dem Stein einer Meinung war, daß Österreichs große Aufgaben im Südosten lägen, daß es aber auch in Deutschland zur Führungsmacht berufen sei. 1855 wurde er Professor an der Wiener Universität.

In Wien entfaltete sich die erstaunliche Arbeitskraft des Staats- und Verwaltungswissenschafters, des Nationalökonomen und Soziologen, der ein ebenso glänzender Redner wie Schriftsteller war. Die Konzeption Steins im Blick auf die Entwicklung des Staates und die Ausbildung der Staatsform fußt philosophisch gesehen – auf der Dialektik Hegels. So hat er bis ins 20. Jahrhundert die Bewegungen befruchtet, die auf eine Erneuerung des Staates und der Gesellschaft hinarbeiteten. Dennoch war Stein bei der Regierung hoch angesehen. 1868 erhielt er den Orden der Eisernen Krone, mit dem die Erhebung in den Ritterstand verbunden war, und zehn Jahre später wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften.

Seiner evangelischen Kirche hat er, wie viele Große seiner Zeit, als Presbyter gedient Interessant ist, daß Stein am 8. Februar 1862 in einer Denkschrift die Eingliederung der evangelischen Fakultät in die Universität Wien verlangt hat. Damals bemühte sich die Fakultät um eine solche Eingliederung; daraufhin wünschte das Ministerium von den Professoren- und Doktorkollegien der vier Universitäts-Fakultäten entsprechende Äußerungen. Der Kirchenrechtier an der juridischen Fakultät hat sich in seinem Gutachten für die Erhaltung der Stiftung Rudolfs IV. in ihrer ursprünglichen Art und deshalb gegen eine Aufnahme der evangelischen Fakultät ausgesprochen.

Stein leugnete gar nicht, daß die Wiener Universität eine katholische Hochschule sei. Er meinte nur, daß dieser Charakter geändert werden könne, weil die Universität eine Staatsanstalt sei. Sie sei die höchste und selbständige Spitze der Wissenschaft, einem getrennten Zweig käme niemals ihre Würde und Ehre zu. Wenn daher feststünde, daß die evangelische Fakultät für die evangelische Religion das sein solle, was die katholische Fakultät für die katholische Religion sei und leiste, so läge es in der Natur der Sache, daß auch die evangelische Fakultät der Universität angehören soll. Stein stellte dazu fest, daß es keine katholische oder evangelische Medizin, Naturwissenschaft oder Philologie gäbe, eine Fakultät müsse nicht katholisch sein, um der Universität anzugehören. Das Glaubensbekenntnis des einzelnen sei keine Bedingung für die Zugehörigkeit zur Universität. Darüber hinaus wäre die Aufnahme der evangelischen Fakultät im höchsten Interesse der Monarchie als des Hauptes und der Zukunft Deutschlands. Es wäre ein Akt der Wahrheit, dessen Früchte über die Monarchie hinaus fühlbar würden.

Freilich setzte sich nicht die Absicht Steins durch, die Fakultät blieb noch sechzig Jahre außerhalb der Universität. Es ist aber ohne Zweifel, daß manches einfacher geworden wäre, wenn Steins Meinung, die ja in der Absicht von vielen geteilt wurde, sich hätte durchsetzen können.

Lorenz von Stein kann als Beispiel für jene Männer der Wissenschaft angesehen werden, die gerade im Protestantismus eine der Würde der Menschheit entsprechende Religion erkannten und im Namen der Autonomie und Mündigkeit des Menschen für diese eintraten. Es war ein Zeugnis des Glaubens, das heute, da jener Optimismus gebrochen ist, eigenartig erscheint, das aber damals zur Stellung und Gültigkeit des österreichischen Protestantismus entscheidend beigetragen hat.

Lorenz von Stein verstarb am 23. September 1893 in Wien und wurde hier begraben.

 

Aus: Glaube und Heimat. Evangelischer Kalender für Österreich, Jg. 1984, S. 36-37.