Von Gustav REINGRABNER
Christoph Heidenreich war kein Pfarrer, sondern Pfleger der khevenhüllerschen Herrschaft Paternion in Kärnten. In den Tagen der Gegenreformation in Kärnten bewies er sich nicht nur als ein selbständig im evangelischen Glauben stehender Mann, sondern auch als einer, der Mut genug besaß, die Möglichkeiten seiner dienstlichen Fähigkeiten zum Schutz der bedrohten evangelischen Sache einzusetzen. So soll hier auch nicht von seiner Tätigkeit als Pfleger und seinem Leben geschrieben werden, sondern aus den erhaltenen Schriftstücken der Gegenreformation in Kärnten etwas davon erzählt werden, wie Heidenreich versuchte, dem Vordringen der Gegenreformation wenigstens ein Stück weit Einhalt zu gebieten.
Nachdem der „Feldzug der Siebzig Tage“ unter der Leitung des Bischofs Martin Brenner im Jahr 1600 die Einrichtungen des Luthertums im Lande Kärnten zerstört hatte, blieb die Aufgabe der Bekehrung des Großteils der Landesbewohner bestehen. So blieb nicht nur die 1599 geschaffene Reformationskommission bestehen, sondern es wurde auch durch gezielte Anweisungen in den einzelnen Herrschaften versucht, das katholische Religionswesen zu fördern. Alle diejenigen, die nicht katholisch werden wollten, hatten eigentlich nur die Möglichkeit, das Land zu verlassen. Die Modalitäten der Bekehrung sind bekannt, insbesondere ist aber der Eid bekannt, den die Bekehrungswilligen abzulegen hatten: „Ich armer elender Sünder bekenne Euch Priester, anstatt Gottes und der heiligen Jungfrau und aller lieben Heiligen, dass ich der verführerischen verdächtigen gottlosen Sekten lehre beigewohnt und in ihrem greulichen Irrtum gesteckt bin, auch an ihrem vermeintlichen Sakrament nichts anderes empfangen als ein schlecht Bäckerbrot und aus dem Kelch nichts anderes als einen schlechten Wein aus dem Fass. Solchen greulichen schrecklichen Irrtum entsage und widersprech ich, nimmermehr beizuwohnen, sofern mir Gott helfe und alle Heiligen.“
Es war Aufgabe der seit 1600 durch die Reformationskommission eingesetzten katholischen Geistlichen, an Ort und Stelle die Maßnahmen der Gegenreformation durchzusetzen. Im Jahr 1603 war in Paternion Valentin Vogler Pfarrer. Er richtete im Mai dieses Jahres ein Memorandum (Denkschrift) an den Landesfürsten, in dem er über die Situation in Paternion berichtete: Er habe schon versucht, den herrschaftlichen Pfleger Christoph Heidenreich zu bekehren sowie den landesfürstlichen Patenten in Religionssachen Geltung zu verschaffen, denn nur, wenn Grundherrschaft und Pfleger dies täten, würden die Bauern tatsächlich geneigt sein, die Sektenlehre aufzugeben. Der Pfleger habe keine verbindliche Antwort gegeben. Daher wurde der Landesfürst gebeten, einzuschreiten.
Außerdem unterstütze der Pfleger einen Prediger in Paternion. Dieser wohne im Schloss und erhielte die Einkommen der Pfarren Paternion und Nikelsdorf durch den Pfleger. Zusammen mit dem Marktrichter gebe der Pfleger auch ein Beispiel für unkatholisches Verhalten. Nicht zuletzt lese er öffentlich sektische Postillen.
Der Landesherr sandte am 9. Mai 1603 ein Schreiben an den Grundherrn Bartholomäus von Khevenhüller und machte diesem Vorwürfe, dass sein Pfleger die landesfürstlichen Befehle nicht ausführe. Auch der Erzpriester des Patriarchen von Aquileia für das Drau- und Gailtal wurde als zuständiger kirchlicher Oberhirte verpflichtet einzuschreiten. Dieser, Emmerich Molitor, versuchte gegen die Protestanten scharf aufzutreten. Er nannte in einem Bericht an den Landesfürsten den Pfleger Christoph Heidenreich eine „vergiftete sektische Person“, an welche sich die meisten Paternioner anhielten; Molitor schlug vor, den Prediger fortzubringen, denn dann würde es die katholische Sache leichter haben. Allerdings dürfte der Pfleger nicht erfahren, von wem dieser Vorschlag komme, denn sonst sei es um die Sicherheit des Denunzianten schlecht bestellt. Molitor machte sich angesichts der tatsächlichen Situation der bereits mehr und mehr in die Heimlichkeit abgewanderten Protestanten lediglich wichtig. Natürlich wurde der größte Teil der Kinder noch durch einen evangelischen Prediger getauft, aber diese Taufen gingen ja bereits mehr oder weniger heimlich vor sich.
Aber auch unmittelbar an den Pfleger wandte sich Molitor und verlangte von ihm die Abschaffung des evangelischen Predigers. Im Juni 1603 kam es zur Entsendung einer Kommission, von der Heidenreich verhört wurde. Heidenreich vermochte nichts anderes als bestimmte Ausreden vorzubringen und zu versuchen, die Dinge auf die lange Bank zu schieben. Die Erhebungen der Kommission zeigten aber, dass an Ort und Stelle der Pfleger die Hauptstütze der evangelischen Bürger des Marktes Paternion war.
Sein Grundherr versuchte in einem Schreiben vom 16. Juni 1603 vom Erzherzog eine entsprechende Absicherung seiner Position in Paternion zu erhalten. Ferdinand gab jedoch nicht nach und erließ am 26. Juni neuerlich einen Befehl an die Bürger und Untertanen der Herrschaft Paternion, katholisch zu werden. Gegen Ende des Jahres 1603 wurde eine Reihe von Paternionern nach Graz zitiert. Unter diesen befand sich auch der Pfleger Christoph Heidenreich. Er wurde mit Gefängnis bestraft. Erst nach dem Vorgehen des Landesfürsten gegen den evangelischen Adel war es dann auch möglich, die evangelischen Untertanen tatsächlich zum Katholizismus zu bekehren. Den Kampf um die Wiederherstellung der katholischen Religion wurde fast ausschließlich vom Habsburger Landesherrn ausgetragen. Der Sieg gehörte, wie im Kampf um die Alleinherrschaft im Staat, einem, und so siegte auch der Zwang über die Gewissensfreiheit. Doch überall dort, wo nicht unmittelbar die Macht des Landesfürsten das religiöse Leben überwachen konnte, hielt sich im Geheimen der evangelische Glaube. In den größeren Orten, wo die Aufsicht leichter durchzuführen war, wurde das evangelische Bekenntnis durch die Gegenreformation ausgerottet. So wurden im 17. Jahrhundert auch die Bewohner des Marktes Paternion katholisch, aber die Bauern und Arbeiter in den Bergen blieben zum großen Teil im Herzen evangelisch und hielten das, bis sie aufgrund des Toleranzpatentes 1781 die Duldung erlangten.
Die Bemühungen von Männern wie Christoph Heidenreich trugen sicher dazu bei, dass das Bekenntnis in diesen abgelegenen Gebieten für konfessionelles Bewusstsein so ausgeprägt war, dass die Zeit der Bedrängnis überwunden wurde
Aus: Glaube und Heimat. Evangelischer Kalender für Österreich, Jg. 1985, Seiten 34-35.
