Von Gustav REINGRABNER

Nach der ersten Welle der Gemeindegründungen als Folge des Toleranzpatentes von 1781 kam es nur langsam und zögernd in den österreichischen Ländern zur Errichtung weiterer Gemeinden. Von einer Übertrittswelle kann während des ganzen 19. Jahrhunderts nicht gesprochen werden, die Mischehengesetzgebung und die anderen restriktiven Maßnahmen der Monarchen sorgten, daß es eher zu einem Schrumpfen als zu einem Ansteigen der Zahl der Evangelischen kam. Lediglich dort, wo der Zuzug evangelischer „Ausländer“, also vor allem Deutscher, stärker war, bildeten sich während des 19. Jahrhunderts evangelische Gemeinden. Dabei war es in der Regel so, daß die unmittelbaren Initiativen zur Errichtung einer Gemeinde von einem einzelnen ausgingen. Diese Gemeindeglieder sorgten dafür, daß Pfarrer benachbarter evangelischer Gemeinden bereit waren, Gottesdienst zu halten; sie übernahmen die Vorbereitung dieser Gottesdienste und luden die im Ort und in der Umgebung wohnenden Glaubensgenossen zu den Gottesdiensten ein. Aus diesen Gottesdiensten erwuchsen Predigtstationen und da und dort in weiterer Folge eigene Gemeinden. Die Initiative dieser einzelnen, die dabei nicht selten von Teilen der Ortsbewohnerschaft, aber auch vom zuständigen katholischen Pfarrer heftig angefeindet wurden, waren die Voraussetzung für eine zwar bescheidene, aber doch feststellbare positive Entwicklung der evangelischen Kirche in Österreich im 19. Jahrhundert. Nicht selten handelte es sich bei diesen „Vätern“ einer Gemeinde um wirtschaftlich wohlsituierte, zum Teil auch in der Öffentlichkeit angesehene Persönlichkeiten, die eben dieses ihr Ansehen zugunsten der evangelischen Kirche einzusetzen vermochten.

Im Anfang der Evangelischen Pfarrgemeinde Braunau stand auch eine solche Person. Es war dies der aus Pforzheim eingewanderte Kaufmann Jakob Schönthaler. Er ließ sich als Vierzigjähriger, nachdem er eine fünfundzwanzigjährige Wanderschaft hinter sich gebracht hatte, in Braunau nieder. Wie viele seiner bedeutenden Zeitgenossen kam Schönthaler aus bescheidenen Verhältnissen; als Fünfzehnjähriger war er verwaist und hatte sein Vaterhaus in Pforzheim verlassen.

In Braunau gab es zwar etliche Evangelische, die aber untereinander kaum Verbindung hatten; sie gehörten zur Pfarrgemeinde Attersee, welche rund fünfzehn Wegstunden entfernt war. Es hat in Braunau keinen evangelischen Gottesdienst gegeben, und niemand sorgte sich um die verstreuten Protestanten. Schönthaler bereitete, nachdem er in Braunau geschäftliche Erfolge erringen konnte, im Jahr 1861 den ersten Gottesdienst in der Stadt vor. Ein Brauereisaal wurde zur Verfügung gestellt. Schönthaler kaufte eine tragbare Orgel und konnte die Liedertafel (den Männergesangsverein) dazu bewegen, im Gottesdienst die gesungenen Choräle zu begleiten. In der Öffentlichkeit wurde zu diesen Gottesdiensten eingeladen, und die Pfarrer von Attersee und Linz sicherten Schönthaler zu, daß sie nicht nur einmal, sondern fallweise, ja sogar regelmäßig, den Gottesdienst in Braunau halten würden. Am 16. April 1861 fand im Brauereisaal der erste Gottesdienst statt, an dem etwa fünfzig Evangelische aus Braunau und der Umgebung teilnahmen. Von nun an gab es regelmäßig einmal im Monat im Hause Schönthalers evangelischen Gottesdienst. Dieser ließ es aber dabei nicht bewenden, sondern versuchte von Anfang an, der Gemeinde zu einem eigenen Kirchlein zu verhelfen. Bereits 1861 sandte er Bittbriefe und Berichte über die sich bildende evangelische Gemeinde in Braunau an Geschäftsfreunde, Bekannte und evangelische Stellen im Ausland. Tatsächlich gelang es ihm, eine Reihe von Spendern zu bewegen, dafür Geld zu stiften, daß in Braunau die Evangelischen eine eigene Kirche bekommen konnten. Pfarrer Heinrich Aumüller von Salzburg und Jakob Schönthaler, der in Attersee Presbyter geworden war, konnten im Sommer 1866 eine Einladung versenden: „Mit Gottes Hilfe und der Bruderliebe voller Handreichung ist es uns möglich gewesen, den im vorigen Jahr begonnenen Bau eines kleinen Gotteshauses für die evangelische Gemeinde in Braunau bereits in der Hauptsache zu vollenden. Dafür, o Herr, sei dir – und dafür sie Euch, Ihr helfenden Brüder – tausendfältiger Dank dargebracht. Am heißersehnten Ziele stehend und im Begriff, aus unserer bisherigen Andachtsstätte zu scheiden, bringen wir hiermit die frohe Kunde, daß am Sonntag, 26. August 1866, die Einweihung unseres neuen Kirchleins erfolgen soll. Kommet teilzunehmen an der herzerhebenden Feier, die uns bevorsteht, Euch zu freuen mit den Fröhlichen, und zu sehen, wie der Herr Großes an uns getan hat, und in uns hat Zuversicht erweckt, daß er auch in Zukunft der jungen kleinen Gemeinde in Gnaden sich annehmen werde.“

Das Kirchlein befand sich im ersten Stock eines von den Evangelischen angekauften Getreidespeichers. Die Einweihung nahm Senior Gustav Trautenberger aus Rutzenmoos vor. Die Gemeinde organisierte sich als Tochtergemeinde und schloß sich Salzburg an, das 1863 selbständige Pfarrgemeinde geworden war. So hatte der Salzburger Pfarrer Religionsunterricht und Gottesdienst in Braunau zu halten. Schönthaler blieb auch nach Aufgabe seines Geschäftes derjenige, dem das Wohlergehen und die Entwicklung der kleinen Gemeinde am Herzen lag. Auch in seinem Testament sorgte er für die weitere Entwicklung: Er stiftete 20.000 Gulden als Pfarrdotationsfonds, wobei die Zinsen so lange zum Kapital zugeschlagen werden sollten, bis aus ihnen ein Pfarrergehalt bezahlt werden könnte. Außerdem hinterließ er der evangelischen Gemeinde ein kleines Häuschen neben der Kirche. So kam es nach dem Tode Schönthalers dazu, daß sich die evangelische Gemeinde Braunau gedeihlich weiterentwickeln konnte. Im Jahr 1899 war das Stiftungskapital so angewachsen, daß der Oberkirchenrat durch Verordnung die Erhebung der bisherigen Tochtergemeinde Braunau zur Pfarrgemeinde und die Anstellung eines ersten Pfarrers genehmigen konnte. Das wäre sicher nicht möglich gewesen, wenn nicht Jakob Schönthaler während der fünfunddreißig Jahre seiner Tätigkeit (er war am 6. April 1876 verstorben) wie ein Vater für diese Gemeinde gesorgt hätte.

Braunau war die erste Pfarrgemeinde, die sich in dem bis 1779 bayrisch gewesenen Innviertel bilden konnte. Dort waren die Voraussetzungen für eine evangelische Gemeinde ungünstiger als in den anderen Teilen Oberösterreichs, hatte doch in Bayern die Gegenreformation im 16. Jahrhundert früher eingesetzt und war rigoroser durchgeführt worden als im habsburgischen Oberösterreich.

Die Pfarrgemeinde Braunau nahm unter ihren Pfarrern im 20. Jahrhundert einen erfreulichen Aufschwung. Es waren aber wieder Zugewanderte, die zu einem weiteren Ausbau der evangelischen Pfarrgemeinden im Innviertel beitrugen, so daß Braunau seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur mehr eine unter mehreren Pfarr- und Tochtergermeinden ist.

So kann die Entwicklung in Braunau und das Wirken des persönlich tiefgläubigen und aus seinem Glauben alle Schwierigkeiten überwindenden Jakob Schönthaler als Beispiel für die Bedeutung einzelner Gemeindeglieder in der Entwicklung des österreichischen Protestantismus genommen werden.

 

Aus: Glaube und Heimat. Evangelischer Kalender für Österreich, Jg. 1985 Seiten 36-38.