Von Gustav REINGRABNER
Nach der Erteilung des Toleranzpatentes im Jahre 1781 vergingen manche Monate, bis sich in den Gegenden, wo Protestanten lebten, Gemeinden bilden konnten. Die Verzögerungen hatten verschiedene Ursachen, lagen einerseits in der Angst vieler Evangelischer vor einer neuen Falle, die das Toleranzpatent auch sein konnte, andrerseits in bürokratischen Maßnahmen der Behörden. So wurde auch die Gemeinde in Gosau erst nach einiger Verspätung errichtet. Bekannt ist das Bekenntnis der Brigitta Wallner, das am Anfang dieser Gemeinde gestanden hat. Der Nürnberger Kaufmann Tobias Kießling, der in so vielfacher Weise den entstandenen Gemeinden in Österreich geholfen hat, versorgte dann die Gemeinde in Gosau mit ihrem ersten Pfarrer. Im September 1784 hat Superintendent Thielisch in Scharten mit Zustimmung der Gemeinde den Kandidaten Julius Theodor Wehrenfennig als Pfarrer nach Gosau berufen. Im Oktober 1784 kam dann Wehrenfennig zunächst zu Thielisch nach Scharten, der ihn examinierte und nach der Probepredigt auch als ersten in seiner Amtsführung zum geistlichen Amt ordinierte. Tobias Kießling begleitete Wehrenfennig danach noch bis nach Wels. Der Goiserer Prediger führte ihn dann bis ins Salzkammergut, wo er Ende Oktober ankam. Unterbringung und Gottesdienst waren improvisiert, die Amtsbestätigung von der Regierung in Linz kam erst Ende Dezember. Obwohl Wehrenfennig gehalten war, bis zum Einlangen dieser Bestätigung keine amtlichen Tätigkeiten vorzunehmen, hielt er doch in dem Hause, in dem er wohnte, regelmäßig Gottesdienste, besuchte Kranke, machte sich mit den Häusern und Familien bekannt, katechisierte die Jugend und hielt abends die Singstunde. Vor allem aber konnte er am 21. November das fertiggestellte Bethaus „einweihen und zugleich das Toleranzfest halten“.
Wehrenfennig war 1753 in Regensburg geboren, wo sein Vater beim westfälischen Gesandten zum Reichstag in der Kanzlei tätig war. Infolge des frühen Todes des Vaters hat er keinen geraden Weg zum Predigtamt einschlagen können, sondern war zwischendurch unter anderem als Apothekerlehrling tätig. Im Halleschen Waisenhaus konnte er sein Theologiestudium aufnehmen. Allerdings gab es zwischen ihm und dem Direktor Johann Freilinghausen Probleme, so dass er bald nach Jena übersiedelte und nach einem Krankenstand an der Nürnberger Universität in Altdorf sein Theologiestudium trotz großer äußerlicher Not beendete. Katechetische Dienste, Tätigkeit als Hauslehrer und schließlich als Amtsgehilfe im fränkischen Raum waren die nächsten Stationen in dem vorerst bewegten Leben Wehrenfennigs. Vorher aber erlebte er noch eine Bekehrung, die er selbst als „Erweckung von langem Sündenschlaf“ bezeichnete: „Ich war nicht nur der Vergebung aller meiner Sünden versichert, sondern fühlte auch die neue Geburt aus Gott, die innigste Vereinigung mit Christo, seine Gottesliebe und den Gottesfrieden, die über alle Vernunftbegriffe gehen, kurz gesagt, ich war wie neugeboren und unaussprechlich glücklich, aber es war keine rauschende Freude, es war ein stilles, sanftes Genießen meiner Versöhnung, der Liebe Gottes und der Vereinigung mit meinem Heiland.“
Wehrenfennig hat als alter Mann. dieses Ereignis ausführlich beschrieben und seinen Kindern mitgeteilt, dass sie, so lange sie keine Erweckung aus dem Sündenschlaf und aus dem Tode des geistlichen Lebens erfahren, „bloße Weltmenschen und entfremdet seien von dem Leben, das aus Gott ist, und in ständiger Gefahr, in Sünde zu sterben und verloren zu gehen„. Im künftigen Gericht könne Gott sie dann behandeln wie Leute, denen es an christlicher Erziehung und Erkenntnis des Evangeliums gefehlt hat: „Ihr seht an mir, dass euer Glaube an Ihn lebendig und voll Liebe werden muß, wenn er euch gerecht und selig machen soll. Bittet und flehet darum, so wird es euch gegeben. Verhindert doch ja eure Erweckung nicht und vertreibet nicht Heil und Geist durch Widerstreben! Je früher ihr erweckt werdet, desto besser für euch; desto mehr Zeit gewinnet ihr zur Heiligung Leibes und der Seele, mit welchen beiden ihr euere Versöhnung preisen sollt, die er euch erkauft hat mit seinem Blut zu seinem ewigen Eigentum, und wenn ihr einst erweckt und durch redliche Buße und zuversichtlichen Glauben begnadiget worden seid, so hütet euch, beschwörend bitte ich euch, vor Leichtsinn.“
In diesem Geiste führte Wehrenfennig sein Amt in der Gemeinde zu Gosau, deren Geschicke er in den nächsten Jahrzehnten bestimmte. Das rauhe Klima, von dem er bereits 1785 berichtet, dass zu Pfingsten noch ein Fuß Schnee lag, der unergiebige Boden, der die Einwohner zu größerem Teil als Arbeiter in der Saline tätig sein lässt, erschwerte die geistliche Amtstätigkeit dieses Predigers. Seit 1812 stellte das .Aerarium“, die kaiserliche Kasse, eine jährliche Unterstützung von 140 Gulden zur Besoldung des Predigers zur Verfügung.
1794 schenkte ihm die Gattin den ersten Sohn, dem bis 1805 neben einigen früher verstorbenen Kindern zwei Töchter und ein weiterer Sohn folgten. Beide Söhne wurden Pfarrer im Salzkammergut, der ältere übte das Amt des Superintendenten aus, der jüngere wurde Amtsnachfolger seines Vaters in Gosau und Senior. Mit diesen beiden begründete Julius Theodor Wehrenfennig eine Pfarrerfamilie, die, in nunmehr bereits sechs Generationen der evangelischen Kirche in Österreich und den Sudetenländern immer wieder Pfarrer schenkte.
Julius Theodor Wehrenfennig verbrachte einen stillen und segensvollen Lebensabend in Gosau, wo er am 23. April 1834 verstarb. Er hat während seiner fünfzigjährigen Amtsführung in dieser Gemeinde 1610 Kinder getauft, 1080 Buben und Mädchen konfirmiert, 260 Paare getraut, 1290 Begräbnisse gehalten und über 80.000 Kommunikanten gehabt. Nach den Worten seines Sohnes bleibt aber der schönste Ruhm der, dass er glaubte, wie er lebte, und lebte, wie er glaubte.
Aus: Eine Wolke von Zeugen – Julius Theodor Wehrenfennig. In: Glaube und Heimat. Evangelischer Kalender für Österreich, Jg. 1982, S. 35-36.
